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Aktuell - Archiv > Bärlauch und Cistus in der Kritik
Offener Brief zum Beitrag „Pflanzliche Stoffe in Nahrungsergänzungsmitteln“ (Autor: Andreas Hensel, 21. August 2008. In: Deutsche Apothekerzeitung, Jahrgang 148, Nr. 34, Seite 49-71.)
Sehr geehrter Herr Professor Dr. Hensel,
vielen Dank für den wichtigen Versuch einer kritischen Bewertung pflanzlicher Nahrungsergänzungsmittel (NEM) in Hinblick auf die tägliche Beratungspraxis in deutschen Apotheken-Offizinen. Wenn auch bei rund 140 pflanzlichen NEM, beschrieben auf achteinhalb Zeitschriftenseiten, kaum eine allen Wirkstoffen angemessene Darstellung möglich ist, gibt es doch einige fundamentale Kritikpunkte an Ihrer Publikation:
* Ein Gutteil der von Ihnen erwähnten Stoffe sind nicht pflanzlichen, sondern tierischen oder sogar chemisch-synthetischen Ursprungs, gehören also streng genommen nicht in eine Zusammenstellung pflanzlicher Stoffe in NEM hinein (z. B. Chondroitin oder Glucosamin). Auch taxonomische Zuordnungsprobleme (z. B. die Auflistung von Hefen) sind hinsichtlich pflanzlicher NEM kaum zielführend.
* Schwerwiegender erscheinen jedoch sachliche Fehler, beispielsweise in Bezug auf die wissenschaftliche Terminologie oder einen nicht aktuell dargestellten Forschungsstand. Beispiel 1, Bärlauch, Allium ursinum: Während bis in die 60iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts tatsächlich über den Senfölgehalt von Bärlauch diskutiert wurde, sind heute reduzierter Schwefel sowie Adenosin die aktuellen Qualitätskriterien [1]. Zur Dosierung hat das BfArM für unser Bärlauch-Arzneimittel 420 mg bis 840 mg getrockneten Bärlauch als Tagesdosis vorgegeben (Lefteria®, ab 1.10.2008). Wie kann dann unser NEM „Bärlauch Frischblatt Granulat“ mit einem Gehalt an 1.000 mg bis 1.500 mg getrockneten Bärlauch als Tagesdosis „hoffnungslos unterdosiert“ sein, wie Sie schreiben? Beispiel 2, Zistrose, Cistus incanus spp.: Da sich zum Thema aktueller und hochrangiger Cistus incanus-Forschung ja schon einer der beteiligten Wissenschaftler geäußert hat [2], hier nur eine Richtigstellung zu den Cistus incanus-Inhaltsstoffen: Die meisten Subspezies enthalten polymere Polyphenole, nicht oligomere Proanthocyanidine, wie von Ihnen erwähnt.
* Ein wesentlicher Teil der medizinischen Wissenschaftsethik bezieht sich auf Schadensvermeidung („primum nihil nocere“). Dies sollte natürlich auch für Nicht-Ärzte gelten: Provitamin A (beta-Carotin) als NEM zu erwähnen, ohne die publizierte Mortalitätssteigerung bei längerer Anwendung zu erwähnen [3], ist in Hinsicht auf eine - auch von Apothekern zu fordernde - vorbeugende Risikobegrenzung bei verantwortlicher Kundenberatung kaum zu verantworten (auch wenn sich die gut dokumentierten Befunde in Re-Analysen nicht bestätigen sollten).
* Mehrfach zitieren Sie Bewertungen der Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes (BGA) zur Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen. Die methodischen und wissenschaftlich nicht akzeptablen Schwächen der Kommission E-Monographien sind Ihnen ja sicher bekannt (zum Beispiel die fehlende Transparenz bei den Entscheidungsgrundlagen), die Monographien entsprechen nicht den Anforderungen an wissenschaftliche Reviews. Als valide Begründung für einen potentiellen Nutzen von pflanzlichen Nahrungsergänzungsmittel sind sie damit auch nicht geeignet.
* Ihre Aussage, dass die bibliographische Datenbank der US-amerikanischen Nationalbibliothek - Medline/Pubmed - „nahezu alle neueren zitierfähigen Publikationen im biologisch-medizinischen Bereich enthält“ ist sachlich falsch. Medline deckt weltweit 25% aller medizinischen Zeitschriften ab, im Bereich Alternativmedizin (einschließlich Phytopharmakologie und Phytotherapie) liegt der Abdeckungsgrad bei nur knapp 7% [4]. Eine deutlich bessere Alternative zur bibliographischen Primär-Orientierung ohne einseitige US-amerikanische Gewichtung ist die Datenbank AMED (Allied and Complementary Medicine Database) der britischen Nationalbibliothek (British Library). Wissenschaftliche Heilpflanzen-Recherche desavouiert sich durch eine einseitige Verwendung von Medline selbst, weil die meisten existenten Quellen nicht eingeschlossen werden.
* Die Herausgeber von zwölf der weltweit renommiertesten allgemeinmedizinischen Fachzeitschriften beschrieben 2001 in einem erschütternden Eingeständnis das näher rückende Ende der klinischen Forschung und der freien, unabhängigen Wissenschafts-Publikation [5]. Als einer der Gründe wird die fehlende Unabhängigkeit vieler Wissenschaftlicher von Industrieinteressen bezeichnet. Seither ist es in vielen angloamerikanischen Fachmedien selbstverständlich, dass Autoren persönliche wirtschaftliche Interessen an ihren Forschungs- und Publikationsthemen öffentlich machen. Die transparente Publikation bestehender Interessenkonflikte ist auch von deutschen Wissenschaftlern zu fordern. Beispielsweise sollte hinsichtlich Ihrer positiven Erwähnung von Proanthocyanidin-Naturstoffen auch dargestellt werden, dass Sie für deren dermatologisch-kosmetische Applikation Patente besitzen oder Patentanmeldungen eingereicht haben. Ähnliches gilt für die von Ihnen erwähnten, an Oligo- und Polysacchariden reichen Naturstoff-Zubereitungen (z. B. aus Kiwi oder Flohsamen).
Zusammenfassend kann ich nur feststellen: Hätten Sie, sehr geehrter Herr Prof. Hensel, geschwiegen, hätten Sie den Apothekerinnen und Apothekern einen größeren Dienst erwiesen als mit Ihrer Publikation zu pflanzlichen NEM. In der Hoffnung auf eine klärende und ergänzende Richtigstellung der aufgeführten Kritikpunkte verbleibe ich,
(Dr. Georgios Pandalis)
Interessenkonflikt: Hersteller zahlreicher Nahrungsergänzungsmittel (siehe www.pandalis.de)
[1] unsere Auftragsforschungen Prof. Dr. Siegers (Universität Lübeck), Prof. Dr. Dr. H. Kiesewetter (Universitätskliniken Homburg/Saar), Prof. H. Wagner (LMU München), LEFO-Institut (Ahrensburg)
[2] Ludwig S: Cistus ist antiviral (Leserbrief). Deutsche Apothekerzeitung. 2008 Aug;148(35):68.
[3] Bjelakovic G, Nikolova D, Gluud LL, Simonetti RG, Gluud C: Antioxidant supplements for prevention of mortality in healthy participants and patients with various diseases. Cochrane Database Syst Rev. 2008 Apr 16;(2):CD007176.
[4] Obst O: Ist MEDLINE eine Luftnummer? AGMB aktuell. 4(1), Nr.7 April:24-27 (2000).
[5] Davidoff F, DeAngelis CD, Drazen JM, Hoey J, Hojgaard L, Horton R, Kotzin S, Nicholls MG, Nylenna M, Overbeke JP, Sox HC, van der Weyden MB, Wilkes MS; International Committee of Medical Journal Editors: Sponsorship, authorship and accountability. * Tidsskr Nor Laegeforen. 2001 Sep 10;121(21):2531-2. * Obstet Gynecol. 2001 Dec;98(6):1143-6. * Lakartidningen. 2001 Oct 24;98(43):4694-6. * Rev Esp Cardiol. 2001 Nov;54(11):1247-50. * Arch Otolaryngol Head Neck Surg. 2001 Oct;127(10):1178-80. * Med J Aust. 2001 Sep 17;175(6):294-6. * CMAJ. 2001 Sep 18;165(6):786-8. * Ugeskr Laeger. 2001 Sep 10;163(37):4983-5. * Lancet. 2001 Sep 15;358(9285):854-6. * Ann Intern Med. 2001 Sep 18;135(6):463-6. * JAMA. 2001 Sep 12;286(10):1232-4. * N Engl J Med. 2001 Sep 13;345(11):825-6; discussion 826-7.
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