Am deutschen Wesen soll die Welt „genesen“, oder wenigstens das Gesundheitssystem Griechenlands!?

 

Die Bundesregierung soll unter Federführung des Bundesgesundheitsministeriums „strukturelle Probleme“ des hellenischen Gesundheitssystems „reformieren“ [1, 2]. Diese seit April 2012 bekannt gewordenen Pläne scheinen einer politischen Selbstüberschätzung zu entspringen, die schon vor über 100 Jahren Teil der preußischen Blut-und-Eisen-Ideologie war („Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“). Entsprechend unangenehm stößt deutsches Engagement bei den Griechinnen und Griechen auf. In Angst- oder Wutreaktionen entladen sich hilflose Aggressionen gegenüber dem ehemaligen Besatzer. Dass diese „Hilfe“ auch noch von der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds sanktioniert ist, macht die Sache nicht besser.

Bei der Begründung für die deutsche Reform- und Hilfsaktion zeigt sich ein erstaunlicher Schulterschluss bundesdeutscher Politiker: Über die Parteibänke hinweg besteht Konsens, daß der hellenischen Republik dringend mit deutschem Know How „geholfen“ werden muß. Die nach bewährtem Muster postkolonialer Entwicklungshilfepolitik identifizierten Krankheiten des griechischen Gesundheitssystems sollen mit den „bewährten“ bundesrepublikanischen Rezepten geheilt werden.

Im Endeffekt bedeutet dies aber nichts anderes als: viele Arztpraxen, viele Ärzte, viele Untersuchungen, viele Krankenhäuser, viele Operationen, viele verordnete Arzneimittel, viele Impfungen und vor allem: viel Bürokratie mit rapide steigenden Kosten. Unsere Politiker geben vor, so die griechische Bevölkerung gesünder machen zu wollen. Dies ist allerdings vollkommen unnötig, gehört sie doch mit einer mittleren Lebenswartung von 80,5 Jahren schon längst zu den gesündesten in Europa (Deutschland – 80,6, USA – 78,7 Jahre nach OECD-Daten 2010) und das bei nur zwei Drittel der Kosten wie in Deutschland.

Hinter der Maske der deutschen Hilfsbereitschaft versteckt sich dabei kaum mehr als der altbekannte Mix aus politischem Machtkalkül und Wirtschaftsinteressen. Nahezu sämtliche sozialpolitische Aktivitäten des Merkel‘schen Kabinetts haben sich, wie Kritiker seit Jahren bemängeln, zunehmend den stringenten wirtschaftlichen Machtinteressen untergeordnet. Das deutsche Bundesgesundheitsministerium erscheint bei seiner federführenden „Hilfestellung“ demzufolge auch eher wie “ein Wolf, der zum Schäfer gemacht wird“, wie ein griechisches Sprichwort sagt.

In den bislang bekannt gewordenen Vorschlägen der Bundesregierung zur Reform des griechischen Gesundheitswesens finden sich dann auch im wesentlichen die gleichen Vorschläge wie in Deutschland, wie etwa die Einführung des DRG-/Fallpauschalensystems zur Finanzierung von Krankenhausleistungen. In Deutschland führte dies allerdings hauptsächlich zu mehr Bürokratie und höheren Kosten zum Nachteil der Patienten. Dabei muss das System mindestens alle vier Jahre, nach jeder neuen Legislaturperiode, grundlegend reformiert werden, weil spätestens dann alles aus dem Ruder gelaufen ist.

Ein anderes Beispiel: Das vielfältige griechische Krankenhaussystem ist bislang weitaus weniger technologielastig als das deutsche. Für Medizintechnik-Anbieter, allen voran Siemens, besteht hier dringender Handlungsbedarf, da sie ihre teure Apparatemedizin gerne in allen Krankenhäusern platzieren möchten. Dies zeigte nicht zuletzt der große Schmiergeldskandal in Griechenland, bei dem Siemens Anfang 2012 außergerichtlich Strafzahlungen an Griechenland von rund 270 Mio. &Euro; zustimmte.

Sollten sich die lobbybestimmten Konzepte der Liberalen auch in Griechenland durchsetzen, würde dies letztendlich zum Ausverkauf der Krankenhäuser an finanzstarke Privatkonzerne führen.

Auch in anderen Bereichen des griechischen Gesundheitssystems geht es weniger darum, Kosten zu sparen, sondern hauptsächlich darum, den hellenischen „Gesundheitskuchen“ neu aufzuteilen. Der Vorwurf, daß in Griechenland kaum preisgünstige Generika verfügbar seien, wird nur deshalb erhoben, weil die deutschen Generikahersteller derzeit – im Gegensatz zu den vor allem aus den USA stammenden, globalen Pharmakonzernen – in Griechenland kaum zum Zuge kommen.

In Zukunft dürften dann auch in Griechenland die im restlichen Europa bereits üblichen alljährlichen Angstkampagnen zum Alltag gehören, um den Pharmaverbrauch grundsätzlich anzukurbeln, wie z. B. bei der von Staat und Industrie forcierten jährlichen Grippe – Impfkampagne. Widersinnig übrigens gerade hinsichtlich landeseigener traditionell verwendeter medizinischer Ressourcen, wie dem Zistrosenextrakt Cystus052 mit seiner infektblockierenden Wirkung.

Grundlegende Ansätze der scheinheiligen Reformpläne des griechischen Gesundheitssystems sind also nicht nur kontraproduktiv, sondern vor allem extrem teuer.

Dies führt letztendlich zu nichts anderem als zu weiterer Abhängigkeit von deutschen Krediten und „Rettungsschirmen“. Die Einführung eines Gesundheitssystems nach deutschem Vorbild würde zudem einen zentralen Kritikpunkt an Griechenland eher noch verschlimmern – nämlich eine überbordende, sinnlose und ineffiziente Bürokratie.

Dr. G. Pandalis, Glandorf im Dezember 2012.

[1] Pressemitteilung: Deutschland unterstützt gemeinsam mit der Europäischen Kommission griechische Reformen im Gesundheitswesen. Bundesgesundheitsministerium, 20. April 2012 (http://mmv.info/tc2).
[2] Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage " Drohende humanitäre Krise im griechischen Gesundheitssystem und das Engagement des Bundesministeriums für Gesundheit", 26.9.2012 (http://mmv.info/mk4).