Kommentar: Wachsen wir noch oder wuchern wir schon?

Pseudo-Bio-Eier, Pferdefleisch in der Lasagne, untrinkbares Wasser durch Gülleeinsatz und Fracking, endloser Plastikmüll in unseren Meeren oder unfruchtbar machende chemische Verbindungen in Kunststoffen und Papier (Bisphenol-A) – die Liste läßt sich endlos fortsetzen: die Symptome einer Krankheit, die sich „Wachstum“ nennt.

Das von Politikern jeglicher Couleur stets vorangestellte und vehement verteidigte Wachstum gleicht mittlerweile eher einer Wucherung. Wie ein Krebsgeschwür wuchert die Wirtschaft, um eine wuchernde Bevölkerung mit ständig wuchernden Ansprüchen und wucherndem Konsumverhalten zu unterstützen. Ein sich selbst erhaltendes Wucher-System – nicht nur beim Geldverleihen zu überhöhten Zinsen („Wucher“)! Die EU-Erweiterung ist dabei nur ein Mittel zum Zweck: Die Wucherung braucht neues Futter und mehr Platz.

Alles wächst, nur die Arten schwinden

Die Industrienationen wirtschaften auf Teufel komm raus und auf Kosten unserer Mitgeschöpfe. Woher nehmen wir dieses Recht? Laut aktueller Studien ist menschlicher Einfluß Schuld an massivem Artensterben und fast jede dritte Tier- und Pflanzenart ist bedroht [1]. Weitere Leidtragende der Krankheit „Wachstum“ sind unsere Mitmenschen in den ärmsten Ländern. Die, wohlgemerkt, dank ihrer (unfreiwillig) bescheidenen Lebensweise den geringsten negativen Einfluß auf unsere Welt haben. Im Gegensatz zu uns ach-so-umweltfreundlichen deutschen Pharisäern, deren Lebensstil 2-2,5 Erden bräuchte [2]. Auch die Bio-Szene wurde bereits von dieser krebsgleichen Krankheit befallen (siehe auch Das Ende der UnschuldUrheimische Notizen, Ausgabe 1/2006). Während ein anfänglich erfreuliches „Wachstum“ stetig in „Wucherung“ übergeht, machen sich die ersten Auswüchse bemerkbar: Das Bio-Preis-Dumping in Billig-Discountern geht mit unvertretbaren Zugeständnissen an Qualität und Tierhaltung einher. Denn jeder will Bio! Und zwar genau so viel wie unsere wirtschaftswachstumsverwöhnte Gier fordert. Hauptsache das Gewissen wird mit drei hübsch grünen Buchstaben beschwichtigt. Gern genommen zur Beruhigung sind auch Produkte mit dem Attribut „nachhaltig erzeugt“ und natürlich setzt man auf dem Wahlzettel das Kreuzchen neben die Blume. Aber „Bio“ und „Viel und billig“ passen nicht zusammen. Ansetzen müssen wir woanders: Wir müssen weg vom ewigen Wachstum [3]! Stattdessen brauchen wir eine Rückbesinnung auf die wirklich elementaren Dinge, die unser Menschsein ausmacht: Geistige Größe, Hand in Hand mit unseren Mitgeschöpfen und der Natur.

Geistlos durch Unterhaltung

Wir stellen fest: Materielles Wachstum ist reaktionär, die Zukunft liegt im geistigen Wachstum. Doch wo soll es herkommen? Unsere politischen und kulturellen „Vorbilder“ werden einer nach dem anderen des Plagiats überführt und bezeugen damit einen offenbar bereits seit Jahrzehnten währenden Trend der Gehirnschonung selbst an den Universitäten. Unsere Medien springen auf diesen Trend auf und üben sich in zunehmender Volksverdummung. Damit bedienen sie optimal den faulen Geist der Bevölkerung: Ein Großteil z. B. der Fernseh- oder YouTube-Inhalte hat gerade dann die höchsten Einschaltquoten, wenn die Sendungen maximal geistlos sind. Die verdummten Massen wollen mittlerweile selbst nur noch diese billigste Form von Unterhaltung (Theodor Adorno: „Unterhaltung ist Untenhaltung“). Kein Wunder, daß aus jeder noch so kleinen Scheune die Techno-Bässe dröhnen – stupider Geist schreit nach stupider Beschallung. Gepaart mit wucherndem Schönheitsfanatismus führt diese Stupidität zu einer der vielen Perversitäten unserer Überflußgesellschaft: Übergewichtige Manager und Banker zahlen 2.000 € pro Tag für Hungerkuren, um ihre teuer angefutterten Pfunde wieder loszuwerden. Gefangen in dieser intellektuellen Abwärtsspirale können viele nur noch geistige Schöpfungen von anderen kopieren und als eigenes Werk ausgeben. Auch weil die christ- und sozialdemokratischen Vorbilder es vormachen und gleichzeitig multimediales „Brot und Spiele“ auf den Markt werfen um die Massen am Denken und am Aufstand zu hindern. Nachahmung von Produkten, Dienstleistungen oder geistigen Schöpfungen gehören in die gleiche Kategorie geistloser Wucherung. Genauso wie der Krebs auf Kosten der gesunden Körperzellen wuchert und die Konsumgesellschaft auf Kosten unserer Umwelt, so wuchern die Nachahmer auf Kosten der Originale.

Warum in die Ferne schweifen ...?

Daß unsere Angela hierbei den Sündenbock gerne und vor allem in China sucht, ist verständlich, denn wenn die Chinesen plagiieren, geht das Wachstum nach China und uns verloren [4]. Deutsche Nachahmer hingegen sind gut für deutsche Wirtschaftswucherung. Ein kleines Beispiel gefällig? Suchen Sie mal bei einer der großen Internet-Suchmaschinen nach dem Begriff „Cistus“. Obwohl wir die einzigen sind, die das Potenzial dieser Pflanze erforscht haben, werden Sie uns kaum entdecken, sondern fast nur Nachahmer, die sich in Preis und Qualität gegenseitig unterbieten. Und wenn Sie nach dem von uns geschützten Namen „Cystus“ suchen, werden Sie sehen, daß sogar manch ein hinterlistiger Trittbrettfahrer die Pflanze Cistus incanus in „Cystus incanus“ „umbenannt“ hat, um unerlaubt von der Bekanntheit von Cystus052® zu profitieren. Wir werden niemals andere Produkte kopieren oder nachahmen! Wir sind stolz auf unsere geistige Arbeit, unsere Forschung!

Was ist zu tun?

Oder erübrigt sich diese Frage, wenn wir ohnehin schon kurz vor dem Kollabieren stehen? Wenn der Schöpfer uns eine Chance gibt, das Kollabieren noch zu verhindern, müssen wir sofort beginnen:

  • Runter mit jedem materiellen Konsum! Maximal ein Drittel des bisherigen Konsums ist fast noch zuviel. Ende von Habgier und Wachstum [5].
  • Förderung des geistigen Konsums! Was verstehen wir darunter? Z. B. in kleinen Gruppen darüber nachdenken, wie jeder von uns eine positive Ökobilanz hinterlassen kann.
  • Selber Vorbild sein!

Dr. G. Pandalis, Glandorf, März 2013.

Quellen

  1. Cahill AE, Aiello-Lammens ME, Fisher-Reid MC, Hua X, Karanewsky CJ,Ryu HY, Sbeglia GC, Spagnolo F, Waldron JB, Warsi O, Wiens JJ: How does climate change cause extinction? Proc. R. Soc. B. 17.10.2012:1-10 (Volltext, offen)
  2. Becker M, da Silva Martins T, de Campos F, Morales JC: The Ecological Footprints of Sao Paulo – State and Capital and the footprint families. WWF-Brasil, Brasilia, 2012 (Volltext, offen).
  3. Randers J: Der neue Bericht an den Club of Rome – Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre. oekom verlag, München, 2012.
  4. Deutschland-Radio Aktuell: Chinas großer Messe-Auftritt – Bundeskanzlerin Merkel fordert fairen Wettbewerb. Köln, 23.4.2012 (Info).
  5. Fleischmann C: Gewinn in alle Ewigkeit – Kapitalismus als Religion. rotpunktverlag, Zürich, 2010.