Offener Brief an Herrn Bundespräsidenten Joachim Gauck

 

Herrn Bundespräsidenten
Joachim Gauck
Spreeweg 1
10557 Berlin

Sehr verehrter Herr Bundespräsident,

mit einigem Erstaunen registriere ich, dass der von Ihnen ausgelobte „Deutsche Zukunftspreis 2014“ für Lebensmittelzutaten aus Pflanzenarten mit bekanntem hohem Allergiepotential [1] und potentiell hoher Toxizität [2] vergeben wurde. Ist das wirklich ernst gemeint?

Darüber hinaus frage ich mich, wozu lebensmitteltechnische Produkte dienen sollen, die keinen anderen Zweck haben, als daraus aroma- und textur-idente Imitate tierischer Produkte herzustellen? Vegetariern mangelt es nicht an Fleisch und anderen tierischen Produkten – sie haben freiwillig auf deren Konsum verzichtet! Und sie benötigen auch kein industriell aufgearbeitetes Eiweiß, denn „… insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass … bei einer abwechslungsreichen vegetarischen Ernährung eine ausreichende Deckung des Proteinbedarfs (0,8 g/kg KG, D-A-CH 2000) gewährleistet ist“ [3].

Auch sonst benötigt kein Mensch weitere unnatürliche Industrieprodukte, auch nicht aus Pflanzen. Schließlich sterben heute mehr Menschen an den Folgen von Übergewicht als an Hunger (Global Burden of Disease Study 2010. Lancet, 13. Dezember 2012). Eine wesentliche Ursache der globalen Adipositas-Epidemie sind im Übrigen für menschengerechte Ernährung ungeeignete, industriell hergestellte Produkte, oft auf Pflanzenbasis [4].

Die von Ihnen preisgekrönte Entwicklung reiht sich in eine endlose Folge von Ernährungs-Produkten ein, die die Welt nie gebraucht hat und niemals brauchen wird. Sei es die Adenauersche Sojawurst von 1916, das Formfleisch von heute oder die Lupinen-Wurst und -Kunstmilch der Zukunft. Hinweis: Eine Innovation ist übrigens bei dem preisgekrönten Verfahren nicht erkennbar: Hocheiweißhaltige Lupinenmehle und Produkte daraus wurden schon vor vielen Jahren mit wenig Erfolg auf den Markt gebracht [5]. Die von Ihnen geehrten Wissenschaftler haben zudem das gleiche Verfahren bereits bei etlichen anderen Pflanzensamen angewandt (Raps, Sonnenblume, Flachs).

Ich befürchte, dass der deutsche Lebensmittelmarkt jetzt nicht nur von oft minderwertigem, industriell hergestelltem Billig-Mastfleisch überschwemmt wird, sondern auch von potentiell pathogenen Pflanzenprodukten als Surrogat gerade solcher Produkte. Hiermit wird umsatzfördernd der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben – die Menschen haben nichts davon!

Mit vorzüglicher Hochachtung,

Dr. Georgios Pandalis
Glandorf, 21. November 2014

Quellen
[1] Sanz ML, de Las Marinas MD, Fernández J, Gamboa PM: Lupin allergy: a hidden killer in the home. Clin Exp Allergy. 2010 Oct;40(10):1461-6.
[2] Roth L, Daunderer M, Kormann K: Giftpflanzen -- Pflanzengifte (4. Aufl.). Nikol, Hamburg, 2006.
[3] Elmadfa I, Leitzmann C: Ernährung des Menschen (4. Aufl.). Eugen Ulmer, Stuttgart, 2004.
[4] Harrington S: The role of sugar-sweetened beverage consumption in adolescent obesity: a review of the literature. J Sch Nurs. 2008 Feb;24(1):3-12.
[5] Römer P: Lupinen - Verwertung und Anbau (5. Aufl.). Gesellschaft zur Förderung der Lupine e.V., Rastatt, Februar 2007