Offener Brief betreff: Gute Pillen – Schlechte Pillen

Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2014/02, S. 12 („Die Lehre des Dr. Pandalis – Urheimische Medizin oder unheimliche Theorie?“)

Wir sind sehr irritiert über den in Heft 2/2014 von Gute Pillen – Schlechte Pillen erschienenen, immerhin zweiseitigen Bericht „Die Lehre des Dr. Pandalis – Urheimische Medizin oder unheimliche Theorie?“ (unbekannter Autor).

Wir sind eigentlich große Befürworter der BUKO Pharma-Kampagne und des oft investigativen Mediums GPSP. In dem genannten Beitrag haben sich die Autoren aber leider als gründliche Rechercheure und Analysten disqualifiziert. Beispiel: Eine populistische Bezugnahme auf einen 10 Jahre alten Spiegelbeitrag entspricht nicht der notwendigen Perzeption moderner pharmakogenetischer Erkenntnisse (Arzt und Journalist zu sein, ist übrigens auch kein grundsätzliches Qualitätsmerkmal für einen der beiden Berufe ...). Oder: Zügig auftretende, vererbbare Anpassungen an lokale Gegebenheiten sind in neodarwinistisch angehauchten Evolutionsmodellen aus den Nachkriegsjahren kaum erklärbar, sondern werden erst durch Einsichten der modernen Epigenetik verständlich. Hierzu liegen aus Medizin, Pharmakologie, medizinischer Geobotanik, Geomedizin oder Ökologie ausreichend viele, gut abgesicherte Publikationen vor. Schade ist auch, wenn Pseudoargumente wie „Welche Art diese ‚Aktivierung’ ist und welchen Nutzen sie hat“ (bezogen auf Bockshornkleesamen) zur Desavouierung eines Produktes benutzt werden. Einfaches „Lesen“ von öffentlich abrufbaren Firmen-Informationen hätte Klarheit gebracht, wenn denn überhaupt Interesse bestanden hätte („Aktivierung“ ist demzufolge eine thermische Behandlung von Bockshornkleesamen, um unter anderem hämolysierende Saponine in Trigonella unschädlich zu machen). Daß es große Qualitätsunterschiede bei (Heil-)pflanzendrogen gibt, ist eine Binse und wird Ihnen im übrigen jeder große Importeur bestätigen. Das gleiche gilt für Produkte aus (Heil-)pflanzen und vielen chemisch definierten Präparaten.

Grundsätzlich problematisch erscheint, daß aussagekräftige, teilweise durchaus publizierte wissenschaftliche Herleitungen des Urheimischen Konzeptes unberücksichtigt geblieben sind. Der Würzburger Medizinhistoriker Prof. Dr. Dr. Dr. Gundolf Keil entgegnet Ihrem Artikel beispielsweise, „daß die Urheimische Medizin nicht 1988 fiktional ‚ersonnen’ worden, sondern aus der Zusammenführung empirisch gewonnener Theorien bzw. abgeleiteter Theoreme hervorgegangen ist, die einem verbindlichen Forschungsrahmen eingefügt und damit zum Aufbau eines übergeordneten Paradigmas verwendet wurden.“ Fast zeitgleich mit dem GPSP-Artikel wurde eine aktuelle wissenschaftliche Darstellung des Urheimischen Konzeptes in der Zeitschrift für Phytotherapie veröffentlicht [1].

Ein literarisch gut gelungenes Aperçu ist Ihre Aussage, wir würden suggerieren „Nähe zur Natur bringe Gesundheit. Die Pandalis-Produkte sind sozusagen die materialisierte und kommerzialisierte Nähe zur Natur.“ Zur ersten Aussage gibt es, ohne tiefschürfenden Rechercheaufwand betreiben zu müssen, neben der menschlichen Erfahrung, viele wissenschaftliche Literaturbelege (zum Beispiel leicht verständlich in [2] zusammengefaßt). Zu den diffamierenden GPSP-Aussagen gehört hingegen der zweite Satz, der in ähnlicher Weise auch für die Betreiber von „klimaschonenden“ Kernkraftwerken gilt. Danke dafür (wir produzieren unseren Strom im übrigen aus erneuerbaren Quellen selber)!

Die Autoren von Gute Pillen – Schlechte Pillen unterstellen zudem „Tricks“ oder mangelnde wissenschaftliche Nachweise. Was jedoch an den an verschiedenen deutschen Universitätsinstituten durchgeführten Studien mangelhaft sein soll, ist nicht nachvollziehbar. Im übrigen wissen Sie mit Sicherheit, daß zum Beispiel die Health-Claims-Verordnung der EU mit der Forderung nach wissenschaftlich validierten Wirksamkeitsaussagen bei allen Nahrungsergänzungsmitteln bürokratische Hürden aufbaut, die selbst von milliardenschweren globalen Unternehmen kaum zu bewältigen sind (obwohl es oftmals vielversprechende klinische Daten gibt).

Schlußendlich offenbart sich auch der kulturgeschichtliche Exkurs des Artikels als wenig fundiert, sowohl was die Begriffsdefinition von „urheimisch“ betrifft als auch die historischen Daten; beispielsweise ist die Nutzung von Kartoffel und Orangen in Europa sehr wohl seit dem 17. beziehungsweise 14. Jahrhundert belegt.

Es ist sicher nicht im Sinne der Allgemeinheit, wenn eine geförderte und spendenfinanzierte Initiative sich auf Kosten eines seriös und gewissenhaft forschenden und arbeitenden – mittelständischen – Unternehmens zu profilieren versucht. Mit Ihrem Artikel tun Sie das. Es wäre besser gewesen, sich vorher umfassend und fachlich korrekt zu informieren. Hätten die Autoren des GPSP-Beitrages dies getan, hätten sie vernünftigerweise geschwiegen, weil außer dem – offenbar gewünschten – populistischen, medienwirksamen Bashing eines verantwortungsbewußten mittelständischen Unternehmens kaum echte Argumente übrig blieben. Medien, die auf diese „hintergründige“ Weise um Leserschaft buhlen, sind uns auch 69 Jahre nach 1945 immer noch „unheimlich“. In diesem Sinne: Si taucuisses, philosophus mansisses!

Quellen

  1. Pandalis G: Urheimische Medizin – Moderne Heilkunde vor dem Hintergrund geografischer Herkunft und Ethnie. Zeitschrift für Phytotherapie. 2014;35(2):71-5 (Volltext).
  2. Nicolas Guéguen, Sébastien Meineri: Die Umwelt und ihre Auswirkungen auf die Psyche. Springer, Heidelberg, 2013 (ISBN: 978-3-642-34820-4).

Gez. Dr. G. Pandalis
Glandorf, Juni 2014