Oinodótes – der griechische Weinschenk

Von Prof. Dr. Dr. Gundolf Keil, Würzburg

Griechen ohne Wein – undenkbar! Seit Ende des 15. Jahrtausends domestiziert und von Ägypten und Vorderasien in den Mittelmeerraum gebracht, hat die Weinrebe die griechisch-abendländische Kultur seit deren Anfängen im 8. vorchristlichen Jahrhundert begleitet. Der Weinanbau war hochkultiviert; eine Vielzahl von Rebsorten wurde unterschieden; die Benennungen nach Weinlage und Herkunft sind Legion. In Amphoren wurde der Wein gelagert und transportiert; auf Flüssen und über See wurde er verschifft; die „Oínodega“ in Nord-Abessinien mit ihren bis heute erkennbaren Terrassen zeigt, daß der Weinanbau bis Äthiopien unter griechischer Kontrolle stand. Griechen brachten den Wein nach Nordafrika, Italien, Spanien und in die Provence; Griechen erzielten die besten Weine auf Thasos, Chios, Lesbos und Samos; in Italien wurde dem pompejanischen Wein vorgeworfen, daß er Kopfschmerzen verursache, und beim hochprozentigen Falerner Wein hat man behauptet, er sei feuergefährlich und würde brennen.

Wein wurde mit Wasser vermischt und nicht rein – als merum – getrunken. Trunkenheit war verpönt. Die Götter tranken keinen Wein (wenn man einmal vom mediterranen Junggott Dionysos / Diòs nŷsos absieht, der mit seiner barbarisch-animalischen Wildheit und orgiastischen Enthemmung zugleich faszinierte und abstieß). Die betrunken von dionysischen Festen heimwärts schwankenden Bacchantinnen und Oinotropen wurden verspottet und verlacht. Der Grieche trank Wein als Tischwein, als Tafelwein, vermischt mit Wasser; der Grieche wußte den Wein als Weinkenner zu genießen; der klassische Grieche verabscheute indessen Symposien, wenn sie zu Zechgelagen ausuferten und in allgemeinem Besäufnis endeten. Für den Trunkenbold, den weinseligen Methýstes, empfand der Grieche Verachtung.

Nicht der Philopótes –: der Philósophos war es, der in der griechischen Gesellschaft geehrt wurde. Er war es, der die Themen der Symposien bestimmte: Er trug vor, er hörte zu, er beherrschte den Dialog, er vermittelte Wissen und gewann aus den Gesprächen eigene Erkenntnisse. Der Philósophos war der Exsponent einer sprechenden Gesellschaft, die sich von der Sprache her definierte, die über Kontinente hinweg in so engem Wissens- und Sprachkontakt stand, daß sich keine regionalsprachliche Mundart halten konnte und sich ab dem 4. vorchristlichen Jahrhundert die Koiné als griechische Einheitssprache durchsetzte, deren Geltung vom Atlantik bis zum Brahmaputra, von Deutschland bis nach Äthiopien reichte.

Der Philósophos als wortgewaltiger Wissenschaftler nannte sich Philólogos, setzte sein wirkendes Wort auch politisch auf der Agorá ein, war Garant der Demokratie, entwarf bis heute aktuelle Staatstheorien, liebte es – mit Gleichgebildeten im Peripatos schreitend – im Zwiegespräch sich auszutauschen, und war Träger einer wissenschaftlichen Entwicklung, die so rasant verlief, daß sie innerhalb weniger Generationen die Götter stürzte und ein Weltbild entwarf, das weitgehend den modernen Kenntnissen entspricht. Himmelsgloben und Weltgloben wurden gefertigt; daß der Mond nicht mit Eigen-, sondern mit Fremdlicht leuchtet, hatte man beobachtet; die Kugelgestalt der Erde war erkannt worden, und den Erdumfang hatte man mit hoher Genauigkeit gemessen. Mathematische Berechnungen stießen ins Weltall vor, aus dessen Mitte die Erde entfernt wurde. Griechische Hopliten hatten um 600 schon vom Nildelta aus über das Rote Meer Afrika umschiffen lassen („periplous“). Und zur gleichen Zeit – ab dem 8. bis 2. vorchristlichen Jahrhundert – wagen die Griechen erste substanztheoretische Modelle zu entwerfen, die letztlich in die Atomtheorie münden und damit zum Oinodótes führen sollten: Für den Hylemorphismus galten die Prinzipien von Anziehung und Abstoßung, von Chaos und Ordnung, von Verdünnung und Verdichtung, von drei Aggregatzuständen (gasförmig – flüssig – fest), von vier elementaren Prinzipien, denen die frühpythagoräischen Gegensatzpaare zugrunde lagen, wie sie als Jin-Jang-Dualismus um 300 nach China exportiert wurden. Atomistische und molekulartheoretische Konzeptionen konkurrierten mit den vier Prinzipien der Humoralpathologie, die von Aristoteles unter strenger Kausalität in seinen dynamistischen Kosmos integriert wurden, in ein bewegtes Weltgebäude, das den Unbewegten Beweger nicht einbezieht, sondern ausgliedert und außerhalb beläßt. Aristoteles geht bereits – vergleichbar dem Genom – von einer dynamistisch-teleologischen Potentialität aus, die teils geistig, teils vektoriell angelegt ist und bei ihrem Zusammentreffen mit Materie auf die angestrebte Aktualisierung zielt. Bei den embryologischen Entwicklungsschritten lässt Aristoteles phylogenetische Entwicklungsstufen durchschreiten und nimmt dadurch Haeckels Biogenetisches Grundgesetz vorweg. Den Einfluss epigenetischer Einflüsse und deren Verstetigung im Genom weiß er zu deuten. Beim Erklären gekreuzt-geschlechtlicher Vererbung fallen seine Interpretationsversuche indessen hinter die Deutungsmöglichkeiten der Atomistik zurück.

Die Atomistik war dem kinetischen Paradigma von Aristoteles insofern überlegen, als sie nicht nur über das Atommodell, sondern auch über das Porenkonzept von Empedokles verfügte und über Anaxagoras auf die korpuskulartheoretisch so wirkungsvolle Lehre von den Molekülen zurückgreifen konnte. Deshalb war sie in der Lage, hylozoistisch mit vier Organisationsstufen zu arbeiten, die nach den Atomen als erste Stufe die Moleküle bieten, auf der zweiten Stufe daraus die (aus identischen Partikeln geformten) Gewebe bilden, drittens derartige Gewebe zu funktionsfähigen Organen zusammenfügen und auf der vierten Organisationsstufe aus Organen und Geweben den Organismus aufbauen. Eine gekreuztgeschlechtliche Vererbung ließ sich anhand derartiger hylemorphistischer Theoreme problemlos deuten, indem man sie mit Beteiligung der zweiten und dritten Organisationsstufe erklärte.

Hierarchischer Strukturbegriff, hochmoderne Substanztheorie, korpuskulartheoretische Differenzierung zwischen Atomen, Molekülen und die bis zum Organismus (sowie zum Staat) ausgreifenden fünf Organisationsstufen gaben der Atomistik einen derartigen Deutungsvorsprung, daß sie schon vor dem Platonismus, vor dem Aristotelismus eine Deutungshoheit beanspruchen konnte und die Naturphänomene mit überzeugender Stringenz zu erklären in der Lage war. Ihr Vorsprung im „Sôzein tà phainómena“ war so groß, daß bezeichnenderweise sie es war – und nicht eine der konkurrierenden philosophischen Lehren –, der es gelang, Rom zu erobern und den Hellenismus im neuen Zentrum der antiken Welt durchzusetzen.

Die Griechen des dritten und zweiten vorchristlichen Jahrhunderts verfügten über eine hohe, ebenso gediegene wie allgemeine Bildung, die schichtenübergreifend für das Gesamt der griechischsprachigen Populationen galt und dazu geführt hatte, daß die griechische Kultur unter Alexander und den Diadochen südwärts bis Äthiopien, ostwärts bis Indien sich ausbreitete und nordwärts über Persien bis nach Transoxanien ausgriff (noch 1348, als in Prag die erste deutsche Universität gegründet wurde, war Griechisch die Sprache der Bevölkerung von Buchara und Samarkand). Aber so weit der Einfluß nach Osten auch reichte –: im Westen stellten sich der griechischen Kultur Hemmnisse entgegen, und besonders ausgeprägt war die Ablehnung im neuen Machtzentrum Rom. Hier war ein griechischer ‘Wundarzt’ („vulnerarius“) am Volkszorn gescheitert, als ‘Metzger’ („carnifex“) verunglimpft und aus der Stadt vertrieben worden; hier schürte der einflussreiche Senator Cato den Widerwillen gegen alles Griechische, indem er meinte, daß „dieses unbelehrbare und nichtsnutzige Volk alles mit seinen Wissenschaften verderben“ würde und daß die Griechen, von den Römern besiegt, mit ihren Ärzten nun nachholen wollten, was sie mit ihren Kriegern zu bewirken nicht vermocht hätten: „Sie haben sich verschworen, alle Barbaren“ – und zwar die Römer – „mit ihrer Medizin umzubringen. Und damit das leichter vonstatten geht und sie obendrein Vertrauen erwecken, fordern sie für das Umbringen auch noch ein Honorar“.

Der Ältere Cato wurde 85 Jahre alt und starb im Jahr 149. Zwölf Jahre vor seinem Tod – und zwar 161 – wurde ein Gesetz erlassen, das „allen Philosophen und Rhetoren (und damit auch den Ärzten) den Aufenthalt in Rom verbot. Und gleich nach dem Tode Catos soll der Senat per Dekret „die Verbannung aller Griechen“ aus Rom „anbefohlen haben“.

Gegen derartige Widerstände sich durchzusetzen bedurfte es eines leistungsstarken heilkundlichen Paradigmas und einer ärztlichen Persönlichkeit, die dieses Paradigma in die medizinische Praxis umzusetzen verstand. Dabei ging es nicht darum, nur therapeutische Erfolge zu erzielen und mit stimmigen Diagnosen und zutreffenden Prognosen bewundernde Anerkennung zu erzielen, sondern worauf es ankam, war, das umgesetzte Paradigma griechischer Naturphilosophie so zu gestalten, daß es sich „mit der Bildung und Weltanschauung des vornehmen Römers“ korrelieren ließ. „Nur“ so konnte es gelingen, „die griechische Medizin“ und Naturphilosophie auch „nach Rom zu verpflanzen“.

Diese Leistung vollbracht zu haben ist das Werk eines Thrakers, der aus dem bithynischen Kios beziehungsweise Prusias ad mare (Gemlik) stammte und unter dem Namen Asklepiades auftrat. Sein Werdegang führte ihn über das nahe Parion am Hellespont nach Athen und von dort wahrscheinlich weiter nach Alexandrien, wo er von der Schule der Erisistrateer beeinflußt wurde. Philosophisch von den Systemen der Platonischen Akademie geprägt, redegewandt, musikalisch gebildet und gesellig, kam Asklepiades gegen 100 vor Christus nach Rom, wo er bald in den Häusern führender Geschlechter aus- und einging und wo er mit Vertretern der geistigen Elite befreundet war. An erster Stelle ist Cicero zu nennen, dann dessen Intimfreund Pomponius, der wegen seiner Hellenophilie „Atticus“ genannt wurde. Die Freundschaft zu den beiden bedeutendsten Rhetoren seiner Zeit, zu Licinius Crassus und Marcus Antonius, läßt die Nachricht glaubhaft erscheinen, daß er selbst als öffentlicher Redner in Rom aufgetreten ist. In diesen Zusammenhang fügt sich auch die Überlieferung, daß Asklepiades dem Rechtsgelehrten Quintus Mucius Scaevola nahegestanden habe, der als Altersgenosse („co-aetanus“) fast alle Ämter, die Crassus innehatte, mit diesem in Doppelbesetzung gemeinsam bekleidete. Mucius war vor allem als überragender Jurist berühmt und als „bescheidene, lautere Persönlichkeit“ angesehen; wegen seiner Unbestechlichkeit hat man Anschläge auf ihn ausgeübt. Das erste Attentat hat ihn nur verwundet, das zweite im Jahre 82 umgebracht. Cicero, der selber vier Jahrzehnte später einem politischen Attentat zum Opfer fiel, hat Quintus Mucius Scaevola als Rhetoren gewürdigt; er zählte ihn zu den besten Rednern seiner Zeit.

Asklepiades hat durch sein fachliches Können, sein Bildung und nicht zuletzt durch seine rhetorische Begabung Anschluß an die „römische Geisteselite“ gefunden. Einem politischen Anschlag ist er nicht zum Opfer gefallen. Seine ärztliche Virtuosität unterstrich er durch die Behauptung: „Er wolle nicht als Arzt gelten, würde er jemals erkranken“. In fortwährender Gesundheit solle er steinalt geworden sein. Schließlich setzte ein Unfall dem Leben des Hochbetagten ein Ende: Asklepios stürzte von der Leiter seines Hauses: „ictu scalarum mortuus est“.

Asklepios beeindruckte als begnadeter Diagnostiker. Um seine Erfolge bei der Krankheitsfindung rankten sich Legenden. Anatomisch-phyiologischen Problemstellungen ging er durch Tierexperimente nach. So konnte er nachweisen, daß das Herz als Sitz der Seele nicht in Frage kommt. Als Versuchstiere sind Fliegen und Ziegen bezeugt.

Asklepiades überzeugte gleichermaßen als Therapeut und Wissenschaftler. Sein Ruhm strahlte bis in seine bithynische Heimat aus. Und der König von Pontos, Mithridates VI. Eupator Dionysos, bemühte sich, den angesehenen Arzt aus Rom an seine Residenz nach Sinope zu holen. Mithridates befand sich gegen 89 – das heißt: vor den Angriffskriegen gegen Rom – auf dem Gipfel seiner Macht und hatte nach Eroberung der Krim bis in den Süden des heutigen Rußlands seinen Einfluß ausgedehnt. Medizinisch interessiert, beschäftigte er mehrere Ärzte und führte chirurgische Tierversuche durch. Mit Selbstversuchen, denen er sich unterzog, zielte er auf eine Toleranzsteigerung gegenüber Giften. Das von ihm entwickelte Antidot Mithridaticum hielt sich übers Mittelalter hinaus bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts in europäischen Apotheken.

Asklepiades hat den verlockenden Ruf nach Sinope abgelehnt. Wahrscheinlich war ihm (und seinen römischen Freunden) bekannt, daß trotz aller Agilität und Sprachbegabung der König des pontischen Großreichs doch „ein nur äußerlich hellenisierter Barbar“ geblieben war. Zur Begründung seiner Absage schickte er dem Despoten (der auch Bithynien besetzt hatte) in zwei Dutzend Rollen seine medizinischen Werke, die – obwohl in Rom geschrieben – „in bestem Attisch verfaßt“ waren und die ganz andere Ziele verfolgten als sie dem pontischen Despoten nahelagen.

Mithridates VI., dessen Vater ermordet worden war, der sich durch Flucht den Nachstellungen seiner herrschsüchtigen Mutter entziehen mußte und der schließlich selbst durch die Hand des eigenen Sohnes umkam, lebte in ständiger Furcht, umgebracht zu werden, und versuchte durch seine Experimente, sich gegen Waffen zu feien und gegen Gifte immun zu machen. Asklepiades dagegen war in einer gebietskörperschaftlichen Demokratie aufgewachsen und lebte im republikanischen Rom. Die Themen seiner Schriften stehen zu den Selbstschutz-Bestrebungen des Despoten in deutlichem Gegensatz. Sie befassen sich mit allgemeinmedizinischen Theoremen, kommentieren hippokratische Texte, widerlegen das Zeugungsmodell und das Ernährungskonzept des Erasistratos, behandeln Heilmittel und Präparate (wie Klysmen und Darmspülungen), beschäftigen sich mit Biorhythmen wie Atmung und Puls, greifen die periodischen Erscheinungen bei Wechselfieber auf und handeln Herzkrankheiten ab. Neben Monographien über Geschwüre, Wassersucht und Haarausfall begegnen diätetische Vorschriften für das Bewahren und Wiedergewinnen der Gesundheit. Eine eigene Abhandlung befaßt sich mit der Wirkung und Verwendung des Weins.

Tò homologouménōs tê phýsei zên: Aus den Titeln der nur bruchstückhaft erhaltenen Werke wird bereits sichtbar, daß Asklepiades über einen funktionalen Naturbegriff verfügte und daß er mit seiner Diätetik auf eine naturgemäße Lebensweise zielte. Er selbst wirkte als Landwirt und besaß ein Landgut fußläufig von Rom. Tò akoloúthōs tê phýsei zên. Man müsse nur in seinem Leben der richtungweisenden Natur folgen, um gesund zu bleiben. Und wenn man davon abgewichen sei, dann gelte das Eîs tên phýsin ágein, dann müsse der Kranke in die Natur wieder zurückgebracht werden, und zwar durch den Arzt.

Asklepíades als Arzt war der bedeutendste Vertreter des medizinisch angewandten Atomismus. Seine Umsetzung der Korpuskulartheorie in die ärztliche Praxis führte zu einer „planmäßigen diätetischen Behandlungsweise, die … von größtem Werte für die allseitige Entwicklung der griechischen Medizin war“ und die abendländische Heilkunde für mehr als drei Jahrhunderte prägte. Insofern hat sich der griechische Römer als „eine der markantesten Gestalten in der Geschichte der“ Medizin erwiesen und „Leitgedanken“ vorgetragen, die – „soweit die Therapie“ und Diätetik „in Betracht kommen – bis auf unsere Tage fortwirken“.

Und dazu gehört der weise Genuß von Wein. Oinodótes iatròs –: Asklepíades ist der Erste, der diesen Namen trug, lange bevor dieser Terminus bei seinem Erzfeind Galen (der alles andere als ein „galenós“, ein ‘Freundlich-Friedfertiger’ war) begegnet: ‘Der Weinschenk als Arzt’; der ‘Weinschenk’ auf den Symposien, der ‘Weinschenk’ als ‘Wein-Dosierender’ der ärztlichen Praxis.

Asklepíades hat sich der Atomtheorie von Leukipp und Demokrit angeschlossen, nicht ohne die Modifikationen von Erasistratos und seinem Landsmann Herakleides Pontikos zu berücksichtigen und nicht ohne die Molekulartheorie von Anaxágoras zu beachten.

Eîs tên phýsin ágein: Für Asklepíades besteht die gesamte Natur aus Atomen, aus deren Interaktion, aus deren Bewegung. In bezug auf die menschliche Phýsis sagt er: „Natur ist nichts anderes als der Körper und dessen Bewegung“. Und dieses ist (innerlich wie äußerlich) eine geordnete, harmonische Bewegung. Denn „Krankheit ist im letzten Grunde auf eine Störung in der Bewegung der Atome zurückzuführen“.

Überall Atome: Als feinste Partikel der Atemluft dringen sie über die Lungen in den Körper. Verdauung ist nichts anderes als das chemisch(-mechanisch)e Zerlegen der Nahrung in ihre feinsten „Urkörperchen“ und deren Eintritt als Atome in den Leib. Das Fließgleichgewicht von Aufnahme und Abgabe setzt eine ungestörte Ausscheidung über den Darm, die Blase, die Haut voraus.

Asklepíades kennt die Hohlorgane und weiß von Bronchien, Harnwegen, Venen, Arterien und selbstverständlich vom Magen-Darm-Trakt, die er seziert, beobachtet und auf ihren Inhalt überprüft hat. Aber er postuliert über diese makroskopischen Gangsysteme hinaus noch ein unsichtbares Netz engmaschiger Kanäle, die den gesamten Körper durchziehn und für die er den Terminus „póroi“ benutzt, obwohl er mit seinem Modell weit über die Porenlehre des Empedokles hinausgeht. Für den Aufbau und die Funktion der Kanäle greift er auf das Modell einer atomaren Formvarianz und das Konzept der Atomzertrümmerung zurück, die beide von seinem thrakischen Landsmann aus Herakleia entwickelt beziehungsweise propagiert wurden: Herakleídes Póntikos kennt nicht nur glatte, kugelförmige Atome (sphaîrai), sondern auch anders gestaltete, hakenförmige „Urkörperchen“ (ónkoi), und solch ein haken- oder klammerförmiges Gebilde war – Herakleides zufolge – instabil und konnte zerbrechen.

Auf diesen korpuskulartheoretischen Konzepten hat Asklepíades sein substanztheoretisch-mechanistisches System der Solidarpathologie aufgebaut, das ohne die Vier-Säfte-Lehre auskommt und der (in humoralpathologischer Polypragmasie erstarrten) Heilkunde einen Innovationsschub sondergleichen erwirkte.

Asklepíades baut – entsprechend seinem atomistisch-substanztheoretischen Theorem – den menschlichen Leib aus Atomen auf. Mit den klammerartigen ónkoi formt er das Gerüst des Körpers, wobei er die sperrigen Atome sich untereinander verhaken und nicht nur für Stabilität sorgen läßt, sondern aus ihnen auch das engmaschige Netz kleinster Kanäle formt, in denen sich frei die weniger sperrigen, runden und glatten Atome (leptomereîs) bewegen.

Freie, ungestörte Atombewegung ist der Garant für Gesundheit. Eingeschränkte Bewegungsfreiheit bedeutet Erkrankung. Und eine solche Bewegungsstörung ergibt sich durch Verlust der symmetría, wenn Gefäße geknickt sind, das Lumen der Kanäle der Größe flottierender Teilchen nicht mehr entspricht; wenn die Atome untereinander Verbindungen eingehn oder wenn sie – das Lumen verengend – durch entsprechende synkrísis sich an die Gefäßwand anlagern (erkennbar in atheromatösen Plaques der Arterien). Als Resultat der Behinderung ergibt sich ein Stau der Partikel (durch „énstasis“, den Ansteig des Widerstands), dem ein Stillstand der Bewegung folgt (stásis), was schlimmstenfalls zum Infarkt (émphraxis) des betroffenen Gefäßes führen kann.

Damit nicht genug! Zur Beeinträchtigung der atomaren Fließgeschwindigkeit kommt es auch durch den allgemeinen Tonus des Körpergewebes, der sich dem Gefäßsystem mitteilt und zu einer Weitstellung oder Verengung des Lumens in den Kanälen führt. Aus diesem Tonus-Konzept entwickelt Asklepiades sein Stress-Modell, wie es im 18. Jahrhundert durch Cullen und Brown, im 20. Jahrhundert durch Hans Selye wieder aufgegriffen wurde:

Asklepiádes unterscheidet drei Tonus-’Zustände’ des Gesamt-Körpers, einen ‘angespannten’ (status strictus), einen ‘mittleren’ (status medius) und einen ‘schlaffen’ (status laxus). Gesundheit wird nur durch den ‘mittleren’ Zustand gewährleistet; nur er entspricht der natürlichen Spannungslage und nur bei ihm, dem „statusmedius“, ist der physiologische Stoffwechsel bei mittlerer Geschwindigkeit der Atome in den póroi garantiert. Die andern beiden Zustände sind unphysiologisch und krankheitsverursachend. Beim „status laxus“ führt der niedrige Tonus des Körpergewebes zu einem Erschlaffen der Gefäßwandungen; die Lumina der „poroi“ sind vergrößert, und in den weitgestellten Kanälchen schlottern die Atome, ist ihre Bewegung zwar nicht behindert, aber verlangsamt, was den Stoffwechsel beeinträchtigt und zu depressiven Gemütsveränderungen wie Lethargie und Katalepsie führt. Zu ähnlichen Entgleisungen kommt es beim status strictus, dem gestreßt-’angespannten’ Körperzustand, wo die Atome mit der „énstasis“ verengter „póroi“ zu kämpfen haben und wegen enggestellter Gefäße in ihrer Beweglichkeit behindert sind. ‘Anschoppung’ (plethóra), ‘Stillstand’ (stásis) und der gefürchtete Infarkt (die ‘Verstopfung’ emphráxis) sind das Ergebnis. Und der Stoffwechsel im Gewebe ist behindert beziehungsweise ausgeschaltet. Die Folgen des „status strictus“ sind im Extremfall deletär. Die Veränderungen der Psyche wurden durch Asklepiades mit dem Terminus ‘Phrenitis’ umschrieben und in ihren Erscheinungen weiter differenziert.

„Ausschließlich von der energischen Tatkraft des Arztes ist alles abhängig“. Daß bei den streßbedingten Komplikationen rasches Eingreifen erforderlich sei, war Asklepiades geläufig. Und daß „stasis“ und „emphraxis“ Sofortmaßnahmen notwendig machten, beherzigte er bis hin zur lebensrettenden Tracheotomie: tuto und celeriter müsse das therapeutische Wirken des Arztes sein, wer sich in vorsichtigem Abwägen übe und in humoralpathologischer Zurückhaltung abwarte, leiste eine verzögerte, todbringende Hilfe (thanátou meléte).

 

tuto, celeriter: Das ärztliche Handeln müsse für den Patienten aber außer ‘Sicherheit’ und ‘Schnelligkeit’ noch eine dritte Eigenschaft bereithalten; es müsse für den Patienten auch iucunde, ‘angenehm’ sein. Auf derartige Verträglichkeit seines Behandelns hat Asklepíades bei allen diätetischen und therapeutischen Maßnahmen Wert gelegt. Der Wein war ihm dabei eine wirksame Hilfe.

„Natur ist nichts anderes als der Körper und dessen Bewegung“. Selbstverständlich hat Asklepiades auch chirurgisch gearbeitet und internistisch – wenngleich zurückhaltend – mediziniert; als atomistischer Substanztheoretiker hatte er seine Therapie und Diätetik jedoch ganz auf das Prinzip der Bewegung abgestellt. Seine sorgfältige, auf die Individualität des Kranken zielende Diagnose war dabei so präzise, daß er – ausgehend von den Fieber-Anfällen seiner Malaria-Patienten und den Paroxysmen der Epileptiker – als Erster zwischen Zittern, tonischen und klonischen Krämpfen unterscheiden konnte.

Krankheiten äußerten sich für Asklepíades in Bewegungsstörungen. Und deren Abweichungen von der Norm wieder in den physiologischen Bereich des „status medius“ zurückzubringen bedeutete für ihn nichts anderes als das „Eîs tên phýsin ágein“ und war damit die Richtschnur seines gesamten therapeutischen und diätetischen Handelns.

Es bietet sich an, die ärztlichen Maßnahmen von Asklepíades unter dem Begriff „Bewegungstherapie“ zusammenzufassen, obwohl dieser Terminus in der Gegenwartssprache meist nur eingeschränkte Bedeutung hat und lediglich allgemeine und gezielte (beziehungsweise konzentrierte) körperliche Aktivität abdeckt, während er für die Antike alle Bereiche der Physiotherapie einbezieht und bei Asklepíades zusätzlich die Tonus-Therapie einbegreift, weil auch diese über das Weit- beziehungsweise Engstellen der „póroi“ Einfluß auf Bewegung, das heißt: auf die Beweglichkeit der Atome nimmt.

Selbstverständlich hat Asklepíades auch Wert auf aktive Bewegung gelegt: Er ließ seine Patienten marschieren, reiten und verordnete ihnen „genau geregelte Spaziergänge“. Aber wesentlich detaillierter war sein Programm für das passive Bewegtwerden, für das er Sänften, Tragstühle, Wägen und Boote bereitstellte, für das er Pendelbewegungen in hängenden Betten und Schaukelbäder in schwingenden, „an der Decke aufgehängten Wannen“ vorsah (balinea pensilia). Und gezielt setzte er in Luftbädern seine Patienten dem Einfluß von Licht und Luft aus. Bei Geisteskranken kam die Musiktherapie hinzu. Und Massagen mit und ohne Olivenöl-Einsalbung hat Asklepíades nach präziser anatomischer Indikation durchführen lassen. Auch seine Darmspülungen bei Verstopfung (als Klysma eingespritzt oder als subaquales Darmbad vorgenommen) dienten der Normalisierung von molekularen oder atomaren Bewegungsabläufen und zielten auf die damit verbundenen chemischen Stoffwechselprozesse. Das gleiche gilt für die entlastenden Eingriffe, die der griechische Arzt an seinen römischen Patienten vornimmt: er skarifiziert, schröpft naß und trocken, läßt bei Schmerzen unter strenger anatomischer Kontrolle zur Ader, und bei Bedarf spaltet er Abszesse und extrahiert den Eiter. Unter gleicher Indikation hat er bei (chronischen) Anginen am Gaumenring inzidiert (und exzidiert). In Notfällen hat er erfolgreich tracheotomiert und laryngotomiert; bei Askites wagte er die Paracentese.

Die therapeutischen Erfolge von Asklepiades lösten Begeisterungsstürme aus. Die Bürger der Tiber-Metropole feierten ihren griechisch-römischen Arzt „als einen ‘vom Himmel Gekommenen’„. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die therapeutischen Zielsetzungen des Thrakers überwiegend diätetisch gelenkt und auf das Regulieren des Gewebe-Tonus ausgerichtet waren. Die heilkundlichen Verfahren zur Durchsetzung dieses Vorhabens entlehnte Asklepiades teilweise den asketischen Praktiken griechischer Ringerschulen. Dazu gehört vordergründig die Abhärtung mit Wasser.

Man hat Asklepíades aufgrund seiner diätetischen Verfahren zwei Übernamen gegeben, und zwar „Oinodótes“ und „Psychroloútes“. Den ersten Namen hat er gerne angenommen; das zweite Kognomen zu tragen hat er indessen nur zögerlich toleriert.

Psychroloútes ist der ‘Kaltwasser-Bader’. Das Eponym bezieht sich auf Asklepíades’ „Vorliebe für Wasserprozeduren“. Kaltwasseranwendungen empfahl der Thraker beim „status laxus“. Wenn der Gewebe-Tonus abgesunken war, verordnete Asklepiades kaltes Wasser, um den erschlafften Leib wieder zu straffen. Mit Kaltwasser wurde geduscht, gebadet und gewaschen; kaltes Wasser wurde als Getränk gereicht; neben dem Licht- und Luftbad unterzogen sich die Patienten dem Regenbad. Mit dem Vollbad konkurrierten Teilbäder. Am sorgfältigsten ausgearbeitet war das Konzept für die Kaltwasser-Waschungen, die nach strengen anatomischen und physiologischen Voraussetzungen vorgenommen wurden und mit antagonistischen Schweißbädern korrelierten. Mit diesen „kalten Waschungen“ machte sich Asklepiades zum Vorläufer neuzeitlicher Hydrotherapeuten wie Prießnitz, Oertel, Kneipp und besonders der Schweidnitzer Wasser-“Hähne“. Durch die Trockendiät, die er bei Oedemen und Bauchwassersucht verordnete, stellte er sich in die Antezedenz zu Johannes Schroth und dessen flüssigkeitsentziehender Entschlackungskur.

Was den Oinodótes, den ‘Weinschenk’ betrifft, so hat Asklepiades dieses Eponym nicht nur toleriert, sondern als ureigenes Kognomen gewertet, dessen Originalität er für sich einforderte und das er wie ein Berufs- und Markenzeichen kampfbereit gegen fremde Ansprüche verteidigte.

Die Kalt-Waschungen waren systemgerecht entwickelt worden und galten als hochdifferenziert. „Ihre Anwendungen“ hatte der Thraker „bis ins einzelne ausgestaltet, wobei er immer bemüht war, sie jedem vorliegenden Falle genau anzupassen“. Sie wurden „bald sanft, bald kräftig, … bald am ganzen Körper, bald nur“ organbezogen-regional „vorgenommen“ und korrespondierten in ihrer Durchführung mit den als ‘Reibungen’ bezeichneten Massagen.

Die Wein-Anwendungen gingen in ihrer Komplexität über alle übrigen Maßnahmen des Thrakers noch hinaus. Als ‘Weinschenk’ verfügte der griechisch-römische Arzt über eine detaillierte Kenntnis der Anbaugebiete und Rebsorten, über Erfahrung in der Weinpflege und im Umgang mit den Jahrgängen. Er verordnete Süßweine beim „status strictus“ den streß-geplagten Patienten; er empfahl schlichte, gewässerte Weine beim entspannten Tonus des „status medius“, und er riet entschieden zu herben Weinen, Sorten und Jahrgängen, wenn es galt, die erschlafften Leiber seiner „status-laxus“-Patienten zu tonisieren. Damit nicht genug: Asklepíades kannte auch das „memigménon“, das einen „status mixtus“ beschreibt und zum Ausdruck bringt, daß in einunddemselben Körper gleichzeitig unterschiedliche Tonus-Zustände existieren können, insofern als das eine Organ den erhöhten Spannungszustand des „status strictus“ aufweist, ein anderes Organ (beziehungsweise eine Region) dagegen erschlafft ist und die Symptome des „status laxus“ zum Ausdruck bringt. Hier kommt neben der Getränke-Varianz eine zeitlich begrenzte Speisen-Karenz zur Anwendung, die ‘metasynkritisch’ eine reziproke Umstimmung bezweckt und als Glied eines zeitlich alternierenden, antagonistischen Vorgehens die beiden entgegengesetzten Spannungsabweichungen – „sténosis“ und „atonía“ – in der natürlichen Mitte des „status medius“ wieder zusammenführt.

Mit Atticus, Crassus, Antonius befreundet und Cicero nahestehend, hatte Asklepiades die häufige Gelegenheit, an römischen Gastmählern teilzunehmen, die – wie beim fiktiven Trimalchio – oft in statusrelevanter Selbstinszenierung auf gesellschaftliche Anerkennung zielten, auf das Heben des eigenen sozialen Ranges abgestellt waren und nicht selten in ein grölendes Besäufnis abzugleiten drohten. Dem hielt Asklepiades die Tradition des griechischen Symposions entgegen, das nicht konsumorientiert, sondern geistig-hochstehend ausgerichtet war und – dialogisch angelegt – mit festgelegten Themen sich auseinandersetzte, die aus der Philosophie, aus der Wissenschaft, dem Recht, der Literatur oder den Künsten entlehnt waren, wenn sie sich nicht mit der Seefahrt, dem Handel, der Strategie oder der Landwirtschaft befaßten. Und solch ein Symposion wurde durch den Oinodótes mitbestimmt:

Die Maisonne ist grade im Westen über Ostia untergegangen; in das Abendlicht greifen die Schatten der Dämmerung; die Öllampen im Saal werden mit einem Kienspan angezündet; als die Lychnoi brennen, lodern die Fackeln über der Anrichte auf, sie werfen den Schatten von Weinschenk und Amphoren an die bunt ausgemalte Wand. Die Gäste haben es sich auf ihrer Liege bequem gemacht; noch sind die Becher auf dem Serviertischchen leer. Der Gastgeber begrüßt die Teilnehmer der Gesprächsrunde und erläutert die Themen des Symposions: Beim Vorgericht werden zum Weißbrot Kirschen gereicht. Die Körbchen mit den roten Früchten stehn auf der Anrichte schon bereit. Das Gespräch werde sich mit Lucullus befassen. Der gegen Mithridates so erfolgreiche Feldherr habe die Kirschgärten beim zweiten Pontischen Krieg an der Schwarzmeerküste kennengelernt und jetzt in Latium selber Kirschplantagen angelegt. Es gelte zu prüfen, ob die wohlschmeckenden Steinfrüchte nicht nur den Thrakern und Armeniern, sondern auch den Römern bekömmlich seien. Lucullus habe die Kirschpflanzungen übrigens nach dem Lehrbuch von Cato angelegt. Wie jedermann wisse, hat Cato in seinem Lehrbuch den Kohl als Arzneimittel empfohlen. Weinschenk Asklepiades meint, daß Kohl lediglich bei den Cimbern und Teutonen medizinisch verwendbar gewesen sei und bei den Römern nicht ungeprüft verordnet werden dürfe. Das Problem genetischer Verschiedenhit von Populationen, das sich daraus ergibt, werde er für eines der nächsten Symposien als Diskussionsthema vorschlagen. Wer mit der Sache nicht vertraut ist, könne sich ja an Oinodótes Asklepiades wenden, der grade an einem einschlägigen Hippokrates-Kommentar arbeitet. – Was nun das Hauptgericht betrifft, so werde es außer den handelsüblichen Fischen Austern geben, und zwar Austern aus zwei Provenienzen: die einen aus dem heimischen Lukrinersee, die andern aus dem fernen Britannien. Die britannischen seien fünfmal so teuer wie die heimischen und würden weit höher geschätzt; aber wahrscheinlich beruhe die höhere Wertschätzung nur auf dem hohen Preis, bedingt durch die Transportkosten. Die Teilnehmer könnten sich in einem Blindversuch von der identischen Qualität überzeugen. Cicero, der Senator, habe das Experiment angeregt. Er, der als Quaestor sich mit dem römischen Staatshaushalt habe vertraut machen können, lege Wert darauf, über die „leges sumptuariae“ auch den privaten Luxus einzuschränken und verschwenderische Ausgaben zu vermeiden. Cicero werde während des Hauptgerichts die Gesprächsleitung übernehmen und im Dialog zu klären versuchen, inwieweit die verfügbaren Rechtsmittel ausreichten, das Ausufern auch des nicht-öffentlichen Verbrauchs einzudämmen. – Was schließlich den Nachtisch angeht, so wolle er da das Wort an den Oinodótes übergeben. Der könne dann die kredenzten Weine vorstellen und begründen, warum er einigen Gästen nur herbe, anderen nur Süßweine ausgeschenkt hat. Und er werde dann sich rechtfertigen müssen, weshalb er unsern übergewichtigen Freund Crassus auf Trockendiät setzte, ihn vom Hauptgericht ausschloß und ihn nur mit einem Stück Brot, einigen Mandeln und einer spanischen Artischocke abspeisen will. Obwohl unser Oinodótes als Rhetor bekannt ist, dürfte es ihm schwerfallen, in der ihm eingeräumten Stunde kurz vor Morgengrauen alle auf ihn einstürmenden Fragen zu beantworten.

Klassische Symposien dauerten bei angeregten Gesprächen bis zum Morgengrauen. Und es ist nicht überliefert, daß Asklepiades (weder als Arzt und erst recht nicht als Oinodótes) jemals eine Antwort schuldig geblieben wäre. Im Gegenteil: Sein Ruhm und seine Anerkennung reichten so weit, daß er eine eigene Ärzteschule begründen konnte, als deren bedeutendste Vertreter Themison von Laodikeia, der Schüler von Asklepiades, Theassalos von Tralleis (I.), der Nachfogler von Asklepiades zu Zeiten Neros, und Soran von Ephesus, der erfahrene Gynäkologe, herausragen. Die Vertreter nannten sich ‘Methodiker’, Soran galt als der „methodicorum princeps“. Obwohl sich maßgebliche Werke Sorans über das Mittelalter hinweg bis in die Neuzeit hielten, mußte die Methodiker-Schule – nicht zuletzt wegen der Kritik Galens – im 4. nachchristlichen Jahrhundert der Humoralpathologie weichen. Mit ihr erlosch die Tradition der griechisch-römischen Symposien. Das Amt des Oinodótes blieb in veränderter Funktion jedoch erhalten; unter der Bezeichnung schenkewînschenke stieg es bis zu den mittelalterlichen Hofämtern auf: „des keisers schenke“ war zugleich „ein schenk des <heiligen> römischen reichs“.