Osterfeuer – Bechern statt beten?

Springende Funken, knisternde Zweige, züngelnde Flammen – was uns anheimelt, bedeutet für tausende kleiner Säugetiere, Vögel und Insekten einen grausamen Tod.

(Glandorf, Ostern 2017). Die aufsteigenden Rauchschwaden des teils legalen, teils illegalen Brennguts schädigen Umwelt, Klima und Atemwege. Ist es Unkenntnis? Naivität? Oder purer Egoismus? Keines dieser schlagenden Argumente hindert die Millionen alljährlicher Besucher von Osterfeuern daran, ihrem Hedonismus zu frönen. Im Takt der Bässe steigen Alkoholpegel, Stimmung und Lautstärke und sinkt das Niveau. Das Morgengrauen offenbart einen dumpfen Schädel und den Ascheberg der zerstörerischen Feuersbrunst.

Dabei war das frühjährliche Feuer ursprünglich ein Symbol der Morgenröte, des Erwachens der hellen Jahreszeit, denn Germanen, Kelten und Slawen unterschieden nur zwischen Sommer und Winter – Frühling und Herbst kannten sie nicht. Erste Zeugnisse des Osterfeuers stammen aus dem Reich der frühkarolingischen Franken im 8. Jahrhundert. Damals wurde es allerdings in dynamischerer Form praktiziert: Rennen mit brennenden Brettern, Rollen von lodernden Rädern oder Schleudern von schwelenden Scheiben.

Das Christentum bändigte das Osterfeuer schließlich auf die Osterkerze, ließ aber auch den aus Holzstämmen steil geschichteten „Bockshorn“ zu, dessen Flammen hoch in den Himmel stiegen und dessen Name sich vom niederdeutschen „Paks-thorn“, dem „Passah-Turm“1 herleitet. Waghalsige übersprangen früher das Osterfeuer und noch heute torkelt so manch ein Betrunkener gefährlich nahe an der Feuerstelle vorbei.

Wir möchten Ostern als ein Fest von Leben und Auferstehung feiern – ohne uns an der Natur zu vergehen, ohne das Leben unserer Mitgeschöpfe aufs Spiel zu setzen. Deshalb lassen wir uns nicht durch Gruppenzwang „ins Bockshorn jagen“ und schließen uns Shakespeare's Hamlet an, der findet, daß man einen üblen Brauch „am besten ehrt, wenn man ihn bricht“.2

1 Viele Bezeichnungen des Osterfestes (französisch „Pâques“, italienisch „pasqua“, spanisch „pascua“) gehen etymologisch auf die aramäische Bezeichnung des (jüdisch-)christlichen Passah-Festes zurück: „pasca“/„pascha“. Der deutsche Ausdruck „Ostern“ stützt sich auf das altnordische „ästron“ = „hell“, „klar“ und weist auf die Morgenröte, die ab dem ersten Frühlingsvollmond die bis dahin herrschende zeitliche Dominanz der Nacht überwindet (Quelle: Prof. Dr. Dr. Dr. Gundolf Keil, Medizinhistoriker, Würzburg).

2
Eine Fanfare und zwei Kanonenschüsse.
Horatio
Was bedeutet das, mein Herr?
Hamlet
Der König macht heute Nacht durch und säuft,
ein Trinkspruch folgt dem nächsten,
und dann tanzt er,
stolpernd und grölend,
und wenn er seinen Becher Rheinwein runtergekippt hat,
verkünden Pauke und Trompete
plärrend diese triumphale Tat.
Horatio
Ist das so Brauch?
Hamlet
Ja, nun ja, aber ich denke,
obwohl ich von hier bin
und das schon von Geburt an kenne,
daß das ein Brauch ist,
den man am besten ehrt, wenn man ihn bricht.
Dieses stumpfköpfige Gebecher läßt in Ost und West
die Völker auf uns niederblicken. Man nennt uns Säufer,
und beschmutzt mit säuischem Zeug unseren Namen,
und tatsächlich schädigt das unsern Ruf
trotz all unserer Errungenschaften
auf der Höhe der Zeit, tief im Kern.

(Auszug aus: William Shakespeare: Hamlet. Deutsch von Roland Schimmelpfennig. In: Carstensen UB, von Lieven S, Walther W (Hrsg.): Shakespeare - Variationen. Shakespeare-Dramen in allen Variationen - neuübersetzt, nachgedichtet, bearbeitet, überschrieben, ganz gegen den Strich gelesen. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2012 (ISBN 978-3-596-18913-7))

Glandorf/Niedersachsen, Ostern 2017.